Nordpatagonien – Land der Seen

Lago Moreno in der Nähe von Bariloche, Argentinien

Santiago, die Hauptstadt Chiles, war eher unser Ausgangspunkt als unser Ziel. Die Stadt kam uns überraschend vertraut vor: westlicher als Argentinien, mit würzigerem, schmackhafterem Essen und einer auffälligen Präsenz internationaler Ketten. Das klingt vielleicht nicht besonders exotisch, aber nach vielen Wochen in Argentinien war der Komfort eines Business-Hotels und eines gut sortierten Einkaufszentrums wirklich angenehm.

Von Santiago aus flogen wir nach Süden nach Bariloche in Argentinien, wo uns eine Landschaft aus Seen und Bergen erwartete.

Die Stadt Bariloche am Nahuel-Huapi-See in der Provinz Río Negro hat viele Gebäude, die dem alpinen Stil der Schweiz ähneln.

Die hochgelegene Bergwelt (1.700 Meter) dieser Region bleibt im Sommer eis- und schneefrei. Diese weißgrauen Berggipfel bestehen jetzt im Sommer nicht aus Schnee, sondern aus freiliegendem Gestein und Sand. Die Tiere und Pflanzen müssen starken Winden und extremen Temperaturschwankungen standhalten.

Wir fuhren auf der Route 40 durch die berühmten Seven Lakes und hielten ständig an, um das spiegelglatte Wasser zu fotografieren, das von Wäldern und Berggipfeln umrahmt war. Hinter jeder Kurve eröffnete sich ein neues Panorama, und als der nächste See schließlich zu weit entfernt lag, kehrten wir widerwillig um und sparten unsere Energie für das eigentliche Abenteuer, die Überquerung der Anden zurück nach Chile.

Der von Bergketten umgebene Espejo-See ist der erste der sieben Seen an der Route 40.

Wir kehrten nach dem Korentosas-See um, da der nächste See über 30 km weiter entfernt war.

Schwarzgesichtige Ibisse sind in ganz Südamerika verbreitet.

Unsere Andenüberquerung folgte einer Route, die seit mehr als einem Jahrhundert besteht. Lange bevor es Busse und Boote gab, legten Reisende diese Strecke zu Fuß und mit Eseln zurück und brauchten Wochen für eine Reise, die wir heute in wenigen Tagen bewältigen. Heute kann man diese Strecke in einem 14-stündigen Marathon mit drei Bussen, vier Booten und zwei Grenzübergängen zurücklegen, aber wir entschieden uns für die bequemere Variante und übernachteten unterwegs in zwei Hotels.

Gitty hat einen Rotkopfspecht entdeckt!

Unsere erste Station war am Ende des Nahuel-Huapi-Sees. Ich folgte einem Weg um den See herum hinauf zum Cantaros-Wasserfall, wo das Rauschen des Wassers durch die Bäume hallte.

Die Tagesausflügler kehren schließlich nach Bariloche zurück und danach war alles um unser rustikales Hotel am See fast lautlos. Es fühlte sich an, als hätten wir ein ganzes Stück Natur für uns allein. In dieser Nacht erwachte Gitty und sah den Vollmond über dem See leuchten – ein stilles, fast privates Schauspiel, das ganz ihr allein gehörte.

Die nächste Etappe begann mit einer kurzen Busfahrt zum Lago Frías, wo wir an einem eigens für diese Route errichteten Kontrollpunkt die argentinische Zollabfertigung passierten. Die Straße war privat und schmal und wurde ausschließlich von den Bussen des Fährunternehmens genutzt. Von der Fähre aus sahen wir vor uns unseren ersten wirklich eisbedeckten Gletscher.

Wir übernachteten in einer abgelegenen Bucht im Nationalpark von Puerto Brest, Argentinien.

Auf meiner Wanderung um den See bin ich auf diese  Eidechse gestoßen.

Ich habe es genossen, den südamerikanischen Eisvogel dabei zu beobachten, wie er sich in der Sonne trocknete.

Die Graukopfgans ist in Argentinien und Chile heimisch.

Der eisbedeckte Berg und inaktive Vulkan Tronador von der chilenischen Seite aus gesehen

Zurück im Bus holperten wir über das unwegsame Gelände der Anden und hielten mehrmals an Aussichtspunkten an. Wir bewunderten den Monte Tronador, den höchsten Berg der Region, und machten Halt an einem unberührten Wasserfall mit eiskaltem, trinkbarem Wasser. Das erinnerte uns daran, dass dies trotz der gut organisierten Abwicklung immer noch eine wilde, abgelegene Überfahrt war.

Bei unserer Ankunft in Peulla durchliefen wir eine sorgfältige Zollkontrolle, bei der jedes Gepäckstück manuell überprüft wurde. Chile nimmt den Schutz seiner Ökosysteme sehr ernst und achtet streng darauf, dass keine Früchte oder andere Lebensmittel ins Land gelangen. Daher dauert die Einreise nach Chile länger als die Einreise nach Argentinien.

Es regnete ein wenig, aber bald klarte es auf und wir hatten eine wunderbare Fahrt.

Als wir in Peulla übernachteten, trafen wir ein nettes Paar aus Kalifornien, das eine ähnliche Lebenseinstellung hatte wie wir, und beim Abendessen und einem Glas Carmenère, Chiles typischer Rebsorte für die hiesingen, exzellenten Weine, kam schnell eine Unterhaltung zustande. Der Carmenère schmeckte uns besser als der argentinische Malbec.

Am nächsten Morgen war Reiten angesagt. Ich ritt zu dem See, den wir bald überqueren würden und ließ so ganz geruhsam die Landschaft auf mich wirken. Das ist einer der Gründe, warum ich das Reiten so mag: Ich erkunde Orte, die ich alleine nicht zu Fuß entdecken würde.

Da jede Etappe der Route genau dort beginnt, wo wir am Vortag aufgehört haben, hatten wir bis zum Nachmittag Zeit, Peulla zu genießen, ein beliebtes Ausflugsziel für viele Besucher vom chilenischen Ort Puerto Varas. Unsere letzte Etappe umfasste eine zweistündige Bootsfahrt über den Todos-los-Santos-See, vorbei am berühmten, noch aktivenVulkan Osorno, der sich über der Küste erhebt und ein Wahrzeichen des südlichen Chile ist.

Der Vulkan Osorno, gesehen von Puerto Varas über dem Llanquihue-See

Chiloé, eine große Insel an der Pazifikküste Südamerikas, nimmt in der Vorstellung der Chilenen einen überaus großen Platz ein, und wir waren entschlossen, herauszufinden, warum.

Unsere erste Begegnung mit der Küche Chiloés fand in Ancud statt, wo wir zum Mittagessen Halt machten. Ich bestellte Curanto, eine lokale Spezialität, und es war in jeder Hinsicht unvergesslich. Curanto ist ein Festmahl: Lamm, Wurst, Muscheln und Venusmuscheln werden auf heißen Steinen gegart und mit einem Deckel abgedeckt, damit der Dampf nicht entweichen kann. Das Ergebnis ist rauchig, reichhaltig und zutiefst wohltuend, mit einer Brühe, die so aromatisch ist, dass ich gar nicht genug davon bekommen konnte. Die Portion war riesig, aber ich weigerte mich, auch nur eine einzige pralle Muschel oder Venusmuschel übrig zu lassen.

Curanto ist eine Spezialität der Insel Chiloè.

Riesige Muschel- und Miesmuschelfarmen im Canal Dalcahue

Die kulturellen Schätze von Chiloé sind ebenso beeindruckend wie die Küche der Insel. Über die Insel verteilt befinden sich 16 Holzkirchen aus dem 19. Jahrhundert, die zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurden. Ihre farbenfrohen Fassaden fallen sofort ins Auge, aber besonders beeindruckend ist die Innenausstattung mit ihren gewölbten Balken, dem polierten Holz und der meisterhaften Handwerkskunst, die jeden Besucher in Staunen versetzt.

Kirche San Francisco in Castro

Das neugotische Holzinterieur fällt sofort ins Auge.

Castro ist für ein weiteres auffälliges architektonisches Merkmal bekannt: Häuser, die auf Stelzen am Wasserrand gebaut sind. Diese Häuser, die vor Ort als „Palafitos” bekannt sind, entstanden einst dort, wo das Land billig oder kostenlos war, und schmiegen sich auf langen Holzpfählen an der Meeresküste entlang. Bei Ebbe liegen ihre Fundamente frei.

Anstatt in der Stadt selbst zu übernachten, entschieden wir uns für ein Hotel außerhalb von Castro, das mehr in die umgebende Natur eingebettet war. Von unserem Zimmer aus konnten wir den Küste und Bucht sehen, und Wanderwege durchzogen das Grundstück bis hinunter zum Wasser. Es fühlte sich friedlich und geerdet an, als wären wir Gäste in einer ruhigen Ecke auf dem Land und nicht in einer geschäftigen Stadt, und wir bedauerten, dass wir nicht länger dort bleiben konnten.

Der nächste Tag stand ganz im Zeichen der Tierwelt. Wir hatten eine Bootstour gebucht, um eine Pinguinkolonie zu sehen, aber zuerst schauten wir uns noch ein paar Holzkirchen an, von denen jede ihren eigenen Charakter und ihre eigene Farbgebung hatte.

Irgendwie hatten wir die Fahrzeit nach Puñihuil falsch eingeschätzt und kamen nur wenige Minuten vor Abfahrt am Strandparkplatz an. Glücklicherweise reichte das aus. Nachdem wir Schwimmwesten angezogen hatten, gingen wir zum Wasser, um herauszufinden, wie wir in das 40-Personen-Boot steigen konnten, ohne unsere Schuhe nass zu machen. Die Antwort: eine Plattform mit Rädern, die etwa fünfzehn Personen gleichzeitig transportieren konnte. Die Mitarbeiter zogen sie ins Wasser, wo wir an Bord des Bootes kletterten. Ich hatte diesen Vorgang noch nie zuvor gesehen und war angenehm überrascht.

Die Unermesslichkeit des Waldes war atemberaubend.

Die Tour fand auf Spanisch statt, sodass wir nur Bruchteile der Erläuterungen mitbekamen, aber die Erfahrung war dennoch unterhaltsam. Wir fuhren zu mehreren kleinen Inseln und sahen zwei verschiedene Arten, Humboldt- und Magellan-Pinguine, sowie eine Kolonie endemischer Kormorane und Enten. Das Wetter spielte voll mit, blauer Himmel und der Duft des Meeres im patagonischen Wind. Wir hatten Mitleid mit diesen armen Pinguinen, die auf den felsigen Inselchen herumhüpften, während Boote ihre Ruhe störten.

Nach der Tour fuhren wir weiter entlang der Küste zur Caulín-Bucht, einer ruhigen Bucht, die als Lebensraum und Hotspot für Vogelbeobachtungen ausgewiesen ist. Die Zeit verging wie im Flug, während wir die Küste nach Chimangos, Regenbrachvögeln, Seeschwalben, Strandläufern und Schnepfen absuchten, am Strand entlangspazierten und mehrere Aussichtspunkte aufsuchten. Schließlich bog die Straße ins Landesinnere ab und die Küste, der wir gefolgt waren, verschwand. Die Rückfahrt zur Fähre verging wie im Flug und bald überquerten wir wieder das Meer zum Festland, mit Kurs auf Puerto Varas.

Schwarzschnabel-Scherenschnabel

Regelbrachvogel

Chiles Seengebiet ist nicht nur eine Zwischenstation zwischen bekannten Reisezielen, sondern eine Gegend, die auf jeden Fall einen Besuch wert ist. Als wir uns von den Seen und Vulkanen entfernten, dachte ich darüber nach, wie diese Gegend uns beeindruckt hatte – nicht durch dramatische Momente, sondern durch eine Reihe ruhigerer Erlebnisse: ein mondbeschienener See, eine Holzkirche, ein Teller voller geräucherter Meeresfrüchte, das Scharren von Pinguinen, ein Lebensraum exotischer Vögel. Ich fragte mich, welche weiteren Abenteuer uns im südlicheren Patagonien erwarten würden.

Randy

Randy ist vor kurzem in den Ruhestand getreten und reist jetzt mit seiner reizenden Frau durch die Welt.

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